Pressestimmen
Berliner Morgenpost vom 07.04.2007
Hilfe für krebskranke Kinder
Busfahrer gründen mit betroffenen Eltern den Verein Kinderlaecheln
Von Adrienne Kömmler
Der Hundenarr mit Labradormix Leo
Der 15-jährige Kevin Schmidt hatte als Kleinkind Leukämie - und ist heute gesund.
Er hat sie überstanden. Die Krankheit liegt längst zurück. Aber die Zeit hat Kevin geprägt. Der inzwischen 15-Jährige machte als kleiner Junge mit dreieinhalb Jahren monatelange Erfahrungen in der Krebsstation der Kinderklinik Berlin-Buch. Bei dem Knirps war damals Leukämie diagnostiziert worden. "Ich habe bruchstückhafte Erinnerungen aus der Zeit meiner Krankheit", erzählt Kevin. Vor allem die in diesem Alter ungewöhnliche Begegnung mit dem Tod hat ihn beschäftigt. "Ich hatte im Krankenhaus zwei Freunde, die gestorben sind." Er durfte plötzlich nicht mehr in deren Zimmer. Es hätte Tage gegeben, an denen es auch ihm nicht so gut ging. Doch das ist vorbei. Der Neuntklässler aus Schwanebeck im Landkreis Barnim versprüht Lebensfreude. Er ist vernarrt in seine zwei Hunde, verbringt viel Zeit am Computer und hat auch schon vage Vorstellungen von seinem späteren Beruf. Kevin ohne Zögern: "Ich will in die medizinische Richtung."
Jährlich bis zu 50 junge Krebspatienten im Alter von maximal 18 Jahren behandelt das Kindertumorzentrum in Berlin-Buch. Professor Dr. Lothar Schweigerer, seit Oktober vergangenen Jahres Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: "Durchschnittlich etwa 80 Prozent und damit die meisten der Kinder werden wieder gesund. Doch je nach Krebsart gibt es zum Teil keine Heilungschancen." Für die Patienten und Eltern sei die Behandlungszeit eine "Marathontortur". Er sei deshalb froh über eine Initiative, die sich gegenwärtig formiere. "Kinderlaecheln" - Förderverein für krebskranke Kinder Berlin-Buch e.V. nennt sich der kürzlich gegründete Verein, der aus einer Busfahrer-Aktion und dem Engagement betroffener Eltern hervorging. Der von Müttern und Vätern initiierte Förderverein, der im neu gegründeten Verein aufging, entstand bereits vor zwölf Jahren. Adele Fichtner war von Anfang an dabei. Die 44-jährige Theologin bekam damals eine Tochter, die mit einem Säuglingstumor geboren wurde. "Lange Nächte, Hoffnungslosigkeit und Angst" habe sie während der folgenden zwei Jahre Chemotherapie ihres Kindes durchlebt. Was sie anfangs nicht zu glauben wagte, trat ein: Fichtners Tochter überlebte. Ähnliche Erfahrungen machte Heike Bergt. Deren inzwischen 22-jährige Tochter hatte mit neun Jahren Leukämie. "So etwas wirft viele Eltern aus der Bahn", weiß Bergt. Anschaffungen wie etwa die eines Computers, eines Fernsehers, einer Waschmaschine oder auch eines Elternbettes sollten die vielen Stunden auf der Station erleichtern. Für die Kinder organisierten sie Theater-, Zauberer- oder Clownsbesuche im Krankenhaus.
Wie wichtig solche Aktionen sind, unterstreicht der Klinik-Chef. "Gesund machen heißt auch, für die Psyche etwas zu tun", weiß Prof. Schweigerer. Doch dafür sehe das Gesundheitssystem nichts vor. Adele Fichtner und Heike Bergt sowie die anderen zehn Mitglieder des Fördervereins wollen weitermachen, obwohl - oder gerade weil - ihre Kinder überlebt haben. So stieß eine Gruppe von vier Aktiven, die sich erst Anfang vergangenen Jahres zur Initiative "Berliner Unternehmen helfen krebskranken Kindern" zusammengefunden hat und nach einer langfristigen und soliden Basis für ihre Arbeit suchte, bei ihnen auf offene Ohren. Es folgte ein Zusammenschluss, aus dem der neue Verein "Kinderlaecheln" - Förderverein für krebskranke Kinder Berlin-Buch e.V. entstand. Er will helfen, finanzielle, technische und diagnostische Ausstattungslücken der Kinderonkologie zu schließen.
Zahlreiche konkrete Projekte sind bereits geplant. "Wir wollen kranke und gesunde Kinder zusammenbringen und planen einen gemeinsamen Ausflug", so Robert Koch. Der Busfahrer, der gemeinsam mit seinem Kollegen Detlef Miel und zwei weiteren Mitstreitern die Vereinsgründung forcierte, berichtet von ersten Vorbereitungen. So soll eine Krankenhauspsychologin eine Schulklasse auf die Begegnung mit den krebskranken Kindern vorbereiten. Denn die Spuren der Krankheit - darunter Haarausfall wegen der Chemotherapie oder Fuß-Amputationen in Folge von Knochenkrebs - sind bei kleinen Patienten deutlich zu erkennen. Für Kinder, deren Zustand es zulässt, ist voraussichtlich Ende August ein Rundflug im Rahmen der Internationalen Airshow auf den Flughäfen Bienenfarm, Eggersdorf und Schönhagen geplant. Für regelmäßige Veranstaltungen auf der Kinderstation sorgt der Verein bereits mit Marionettenabenden oder Bastelnachmittagen. Koch: "Und wir sind dabei, einen Besucherdienst auf der Kinderonkologie zu organisieren, der Angehörigen auch mal den Rücken frei hält."
Ehrensache"Ich habe erlebt, wie mein Arbeitskollege gelitten hat", so Detlef Miel. Der gelernte Zimmermann ist seit 30 Jahren Busfahrer und arbeitet für ein privates Busunternehmen. Die Tochter des Kollegen sei mit sieben Jahren an Leukämie gestorben. Miel weiß, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Eines seiner zwei Kinder hatte als Baby eine Woche nach der Geburt eine Blutvergiftung, die es nicht überlebte. Der 54-Jährige spricht nicht gern darüber. Viel lieber schaut er nach vorn und freut sich an seiner jetzt 21-jährigen Tochter, die gerade ihr Abitur macht.
Doch der Schmerz des Mitarbeiters löste in ihm den Wunsch aus, etwas für krebskranke Kinder zu tun. Gemeinsam mit dem 26-jährigen Robert Koch - beide gestalten neben ihrer Arbeit vierteljährlich ein Busfahrer-Magazin - sammelte er Ideen, Mitstreiter und Sponsoren.
So entstand die Initiative "Berliner Unternehmen helfen krebskranken Kindern". Miel staunte über die Resonanz zahlreicher Firmen, die ihn anspornte: "Innerhalb kürzester Zeit hatten wir Geld- und Sachspenden von fast 20 Berliner Betrieben und Unternehmen zusammengetragen." Die kamen den Kinderkrebsstationen des Weddinger Virchow-Klinikums und des Helios-Klinikums in Berlin-Buch zugute. Ausflüge in Theater, eine Stadtrundfahrt und Weihnachtsbescherungen organisierten die Busfahrer für die Kinder und deren Eltern. "Um eine langfristige und solide Basis für weitere Aktionen zu schaffen, entschieden wir uns, einen Verein zu gründen", erklärt Miel. Und er ergänzt: "Wir hatten gesehen, welche Freude wir den kleinen Krebspatienten machen können. Also war der Name geboren."
Sehr bildlich beginnt denn auch der von ihm mitgegründete Vereinsname, dessen Zusammensetzung sich aus der Fusion mit einer Elterninitiative ergibt. Unter der Bezeichnung "Kinderlaecheln" - Förderverein für krebskranke Kinder Berlin-Buch e.V. setzen Miel und die anderen 15 Mitglieder ihr Engagement fort. "Wir nutzen sämtliche Beziehungen, um etwas auf die Beine zu stellen", betont der Hellersdorfer, der dabei seine Familie einbezieht.
So begeisterte er jüngst auch seine Schwiegermutter, etwas zu tun. Sie wird als "Leseoma" künftig mit Geschichten den Krebspatienten Abwechslung in den Klinikalltag bringen.
Herzenswünschenennt sich ein Vereinsprojekt, mit dem individuelle Sehnsüchte kleiner Krebspatienten erfüllt werden. Wünsche, die von der eigenen Familie nicht erfüllt werden können, reichen von Sachgeschenken bis zu Ausflügen oder Begegnungen mit einem Lieblingsstar. Das bislang deutschlandweite Projekt soll künftig jedoch auf die Region Berlin-Brandenburg beschränkt werden.
Zahlen:In Deutschland erkranken jährlich etwa 1800 Kinder neu an Krebs (zum Vergleich: Im Erwachsenenalter sind es jährlich etwa 300 000). Behandelt werden kleine Krebspatienten ausschließlich mit Medikamenten, die lediglich für Erwachsene zugelassen sind. Kinderkrebs gilt bis zum Alter von 18 Jahren als zweithäufigste Todesursache. Übertroffen wird diese Zahl lediglich durch Verkehrsunfälle, wo die Opferzahlen bei Kindern und Jugendlichen höher liegen.
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